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  • Clemencia Echeverri: TRENO, 2007. Courtesy: die Künstlerin
  • Clemencia Echeverri: TRENO, 2007. Courtesy: die Künstlerin. Videostill
  • Entstehungsprozess von Clemencia Echeverri: ACIDA, 2005. Courtesy: die Künstlerin. Foto: Clemencia Echeverri
  • Entstehungsprozess von Clemencia Echeverri: ACIDA, 2005. Courtesy: die Künstlerin. Foto: Clemencia Echeverri

Clemencia Echeverri

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21.10.–06.11.2011

Als Gegenentwurf zu den nationalistischen und männlich dominierten Feierlichkeiten zur 200-jährigen Unabhängigkeit Lateinamerikas im Bicentenario-Jahr 2010 werden im Oktober 2011 ausgewählte lateinamerikanische Künstlerinnen in Bremen in einen kritischen Dialog über Alternativen zur konventionellen Politik des Erinnerns treten. Das von Cordelia Dvorák und Hedda Kage initiierte Projekt Visiones desde la Memoria. Der weibliche Blick aus Lateinamerika stellt Künstlerinnen aus Mexiko, Chile und Kolumbien vor, deren Werke sich von den gängigen Geschichtsbildern und -diskursen ihrer Länder absetzen und nationale wie genderspezifische Definitionen von Unabhängigkeit und Erinnern hinterfragen und neu bewerten.

In diesem Kontext zeigt die kolumbianische Künstlerin Clemencia Echeverri (*1950 in Salamina, Caldas, lebt in Bogotá) in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst ihre medialen Installationen Treno (2007) und Acidia (2005), die dem Wechselspiel von Erinnerung und Gewalt in Kolumbien nachgehen. Die beiden Arbeiten der international bekannten, mit ihrem Werk auch in Großbritannien, der Schweiz und Polen vertretenen Künstlerin werden erstmals in Deutschland zu sehen sein.

Treno, eine Art audiovisueller Grabgesang, bezieht sich auf eines der omnipräsenten Phänomene Kolumbiens: das gewaltsame Verschwinden von Personen. Im Falle von Treno in einer der vitalsten Lebensadern Kolumbiens, dem Fluss Cauca. Die Künstlerin stellt die Betrachter*innen zwischen zwei überdimensionale Großprojektionen der Fluten des Cauca-Flusses und vermittelt die mörderischen Szenen des willkürlichen Ertränkens und Ertrinkens unter bewusstem Verzicht auf explizite Horrorbilder nur anhand anonym dahin treibender Kleidungsstücke in der ansteigenden Strömung. Begleitet werden sie von dem Klageruf der Überlebenden auf beiden Uferseiten, der ohne Antwort bleibt und im Wasserrauschen schließlich verstummt. Echeverri zur Entstehungsgeschichte von Treno: „Eines Tages erhielt ich in Bogotá einen Anruf: ‚Ich weiß nicht, was tun, Señora. Sie haben meinen Sohn mitgenommen. Um Mitternacht sind sie gekommen und haben ihn weggezerrt.’ Der Anruf kam von einem entlegenen Fußweg inmitten des Calda-Gebiets in ummittelbarer Nähe zum Cauca. Eine Geschichte wie so viele seit Jahren in Kolumbien. Erdrückend die räumliche Entfernung zum Ort des Geschehens, aber umso vertrauter die Geschichte aus den täglichen Nachrichten. Der Krieg wieder ganz nah, und Teil von mir. Und ich selbst: stumm, aufgewühlt vom Schweigen und entwaffnet.“ Die Künstlerin beschreibt Treno weiter als eine „audiovisuelle Installation zwischen zwei Ufern. Bild und Klang im Dialog, auf der Suche nach einem Echo. Schweigen, das von den Fluten des Cauca mitgerissen wird. Der in Kolumbien so vertraute Schrei der Verzweiflung, der ohne Antwort bleibt.“

Intimer und fast minimalistisch ist Echeverris kaligrafische Arbeit Acidia. Sie zeigt das von der Künstlerin auf die Wand aufgebrachte Vermächtnis einer kolumbianischen Nonne aus dem 17. Jahrhundert, das in Geheimschrift aufscheint und wieder verschwindet. Es handelt sich um eines der frühesten und wichtigsten Zeugnisse weiblicher Mystik in Lateinamerika: ein Ausdruck der Einsamkeit einer Frau im Kampf mit den eigenen Dämonen, eine visuelle Metapher der fragilen Flüchtigkeit und gleichzeitigen Unauslöschlichkeit weiblichen Erinnerns.

Ergänzt wird die Präsentation von Echeverris Arbeiten durch eine virtuelle Gesprächsrunde von 25 Frauen aus der lateinamerikanischen Politik- und Kulturszene, von denen jede auf ihre Art die Geschichte ihres Landes weiter geschrieben hat und heute in der Praxis mitgestaltet. In einer eigens für Visiones desde la Memoria. Der weibliche Blick aus Lateinamerika konzipierten Video-Portrait-Galerie hat die in Mexiko-Stadt lebende Theater- und Filmregisseurin Cordelia Dvorák sie anlässlich des Bicentenario nach ihrer persönlichen Lesart von Visionen zu Freiheit und Erinnerung im Kontext ihrer Werke befragt. Zu Wort kommen u.a. politisch aktive Schriftstellerinnen wie Laura Restrepo (Kolumbien) und Elena Poniatovska (Mexiko), Journalistinnen wie Carmen Aristegui und Lidia Cacho (Mexiko), bildende Künstlerinnen wie Lotty Rosenfeldt (Chile), Beatriz González (Kolumbien) und Teresa Margolles (Mexiko), Theaterfrauen wie Heidi Abderhalden/Mapa Teatro und Patricia Ariza/La Candelaria (beide Kolumbien), Marcia Scantlebury, Kuratorin des jüngst eingeweihten Museo de la Memoria (Santiago de Chile) und schließlich Michelle Bachelet, die als erste weibliche Präsidentin Lateinamerikas, Tochter eines Allende-Generals, Kinderärztin, allein erziehende Mutter und seit Ende 2010 erste Vorsitzende der neu gegründeten Abteilung für weibliche Gleichberechtigung der United Nations in New York ein für die südamerikanische Gesellschaft bis heute untypisches Frauenbild lebt.

Parallel zur Ausstellung in der GAK ist die chilenische Regisseurin Manuela Infante im Rahmen von Visiones desde la Memoria. Der weibliche Blick aus Lateinamerika mit ihrem Stück Menschenfüttern verboten! – Menschliche Zoos erstmalig nach Deutschland eingeladen (Uraufführung in der Schwankhalle am 19.10.10, weitere Aufführungen dort am 21. und 22.10., jeweils 20.30 Uhr). Mit szenischen Mitteln nähert sich Infante der historischen Verbindung von Museum und Theater und untersucht, welche Rolle diese beiden explizit europäischen Kulturtechniken in der langen Geschichte der (Post-)Kolonisation Amerikas gespielt haben. Sie konstruiert ihr Stück rund um einen (historischen) Entführungsfall mehrerer Mapuches (ein indigener Volksstamm Südamerikas) nach Europa, ihre obszöne Zurschaustellung in den zoologischen Gärten Europas und ihre erzwungenen Anpassung an europäische Sitten.

Mit seinen drei interdisziplinären Teilen (den Werken von Clemencia Echeverri und der Videogalerie in der GAK, dem Theaterstück von Manuela Infante in der Schwankhalle und den lateinamerikanischen Dokumentarfilmen) lädt Visiones desde la Memoria. Der weibliche Blick aus Lateinamerika zu vitaler, aktueller Mnemotechnik ein. Gegen verhüllendes Pathos und entlastende Fluchtwege in die Abstraktion tritt eigene und fremde Geschichte in einen lebendigen Dialog und fordert auf zu sinnlicher Partizipation. –  Cordelia Dvorák

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21.10.–06.11.2011

Kuratiert von
Cordelia Dvorák

Im Rahmen des Projektes Visiones desde la Memoria. Der weibliche Blick aus Lateinamerika. Eine interdisziplinäre Begegnung von Künstlerinnen aus Chile, Kolumbien und Mexiko

In Zusammenarbeit mit
Schwankhalle – Raum für Ideen

Veranstaltungen

Do 20.10.10, 19 Uhr
Eröffnung

Mi 19.10.11, 20:30 Uhr
Manuela Infante: Menschenfüttern verboten!
Szenisches Forschungsprojekt
Ort: Schwankhalle

Fr 21.10.11. 20:30 Uhr
Manuela Infante: Menschenfüttern verboten!
Szenisches Forschungsprojekt
Ort: Schwankhalle

Sa 22.20.11, 20:30 Uhr
Manuela Infante: Menschenfüttern verboten!
Szenisches Forschungsprojekt
Ort: Schwankhalle

Förderung

Der Senator für Kultur, Freie Hansestadt Bremen, Bundeszentrale für politische Bildung (Visiones desde la Memoria), Goethe Institut

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