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  • Dierk Schmidt: „Die Teilung der Erde“ - Conférence de Berlin # 2, 2005. Foto: Joachim Fliegner
  • Dierk Schmidt: „Die Teilung der Erde“ - Conférence de Berlin # 2, 2005. Foto: Joachim Fliegner

Dierk Schmidt

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2005

Auf der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 sprachen die 13 europäischen Konferenzteilnehmer sowie die USA dem belgischen König Leopold II das Kongobecken als Musterbeispiel einer vermeintlich „modernen“ Kolonie zu. Kein Vertreter des betroffenen Gebietes in Zentralafrika war dabei anwesend. Vermeintlich „modern“ war die Benennung als (afrikanischer) „Freistaat“, begleitet von einigen in der öffentlichen Schlussakte (Acte Général) genannten Attributen: die Sklaven-Rückführung aus Amerika, der Kampf gegen den arabisch-kontinentalen Sklavenhandel oder die Beschreibung als neutrale Freihandelszone unter Zoll- und Schifffahrtsfreiheit, die auch die indigene Bevölkerung nicht ausschließen sollte.

Die eigentliche Absicht dieses Gipfels lag im gemeinsamen – also weitgehend europäischen – Entschluss einer ökonomischen „Nutzbarmachung“ bevölkerter Gebiete. Ein Projekt, dessen Erfolg sich die Teilnehmer durch ein Regelwerk präventiver Konfliktvermeidung untereinander zu versichern suchten. Die Acte Général brachte insgesamt

jedoch mehr Grauzonen als Regeln hervor: Artikel 34 und 35 etwa, die die Form territorialer Okkupation festlegten, waren eigentlich auf die afrikanischen Küstengebiete beschränkt, legitimierten aber einen gesamtafrikanischen Schub zur „Teilung der Erde“ (so der Titel eines damaligen Zeitungsartikels) und führten in wenigen Jahren zu den so genannten „Berliner Grenzen“, die in ihrer „Künstlichkeit und schreienden Unlogik“ (Wole Soyinka) noch heute die nationalstaatlichen Grenzen bestimmen.

Zugleich war durch das (intendierte) Fehlen jeglicher Kontrollinstanzen der „modernen“ Festlegungen ein regelrechter Freibrief ausgestellt, wodurch sich in Teilen des afrikanischen Kontinents Praktiken der Ausschöpfung von Ressourcen und der Zwangsarbeit etablierten. Ob die Acte Général als historisches Völkerrecht (eines damals exklusiven Kreises von Akteuren) anzusehen ist, ist heute nicht klar. Deshalb ist es eine aktuelle Frage, ob Reparationsforderungen gegenüber genozidalen Verbrechen in Folge dieser Konferenz gemäß der temporalen Rechtsanwendung auf Formulierungen in ihr Bezug nehmen kann.

Die Edition ist Teil einer umfangreicheren Bilderserie, die einen Bogen von der Konferenz bis zur aktuellen Entschädigungsklage der „Herero People’s Reparations Corporation“ (HPRC) aus dem Jahr 2001 gegen die Bundesrepublik (als Rechtsnachfolgestaat des deutschen Kaiserreichs) und zwei deutsche Unternehmen zieht. Hintergrund dieser Klage ist der historisch belegte genozidale Vernichtungskrieg gegen die Herero vor 100 Jahren im heutigen Namibia, damals Deutsch-Südwest. 

Der zweifarbige Kupferstich greift auf eine Zeitungsillustration aus dem Jahr 1884 zurück, ein repräsentatives Abbild ganz im Sinne der gängigen Staatsmann/frau-Fotos, die man z.B. von heutigen G8-Gipfeln kennt. Diese kupferfarbig zitierte Tischgesellschaft aus dem 19. Jahrhundert ist mit dem „Muster“, den „Schnitten“ und „Projektionen“ des vermeintlich universal-juristischen Sprechens dieser Konferenz „überdruckt“.

Text: Dierk Schmidt

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Edition 2005

„Die Teilung der Erde“ – Conférence de Berlin # 2, 2005.
Kupferstich und Kaltnadel auf Plexiglas, zweifarbig
50 x 56 cm
Auflage: 35; num., sign.

Euro 220,– / 190,–*
*für Mitglieder

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