In ihren Arbeiten beschäftigt sich Hella Gerlach mit Kommunikation und Beziehungen als Zusammenspiel von unterschiedlichen Techniken. Im Zentrum steht dabei oft die Berührung und die Integration unterschiedlicher non-verbaler Fähigkeiten und Kommunikationsweisen in einen sozialen Raum. Was berührt, hinterlässt eine Spur, löst eine Reaktion aus und bildet einen Datensatz, der sich in Technologien und Körper einschreibt.
Große und kleinere Wollobjekte, die Gerlach modelliert, gewaschen und weiter in Form gezogen hat, hängen an Gummiseilen im Raum. Berührt man sie, werden sie in Bewegung versetzt und geben ein Feedback. Eine der gezeigten Arbeiten ist zweiteilig. Sie ist mit Technik ausgestattet, die die Möglichkeiten der Reaktion erweitert. Wird eine der beiden Skulpturen angestoßen, beginnt ein Kommunikationsprozess zwischen den beiden Objekten, die sich aufeinander einpendeln, um schließlich parallel zueinander zu schwingen, bevor sie zitternd zum Stillstand kommen. Inside-out heißt diese Serie abstrakter, taktiler Objekte. Jede Arbeit trägt in Klammern einen Titelzusatz, der ein konkretes Organ im Körper beschreibt. Sowohl substantia nigra als auch cerebella beziehen sich auf das Gehirn, dermis hingegen auf die Haut. Über die Berührung sind beide Bereiche eng miteinander verknüpft, wirken aufeinander ein und formen einander.
Berührung ist ein kommunikativer Prozess, der in Gerlachs Lebensumfeld eine wichtige Rolle spielt. Er kann durch eine Selbstberührungstechnik geschehen, z.B. die Handgeste, die an der Wand zu sehen ist und die im Autismus-Spektrum häufig dazu dient, sich selbst zu entreizen, oder den Kontakt mit dem Material, oder technologisch vermittelt. Gerlachs Objekte erforschen dieses Spektrum der Möglichkeiten von Berührungen und die dadurch entstehenden non-verbalen Verbindungen. Sie sind eine Auseinandersetzung mit Bereichen, die sonst eher abstrakt und außer Sicht bleiben, obwohl sie unsere Gefühlsweltund unsere Motorik stark beeinflussen. Gerlachs Verknotungen und Verfilzungen stülpen das Innenleben nach außen, ähneln aber auch stark vergrößerten Aufnahmen von Bindegewebe. Solche Abbildungen finden sich im zweiten Teil der Ausstellung im Außenbereich wieder. Auf die Gebäudehülle plakatiert entfaltet sich dort anhand von Buchseiten aus Gerlachs aktueller Publikation Collagen eine Text-Bild-Sammlung zu unterschiedlichen Formen der Berührung durch Hände und Ohren ebenso wie andere Techniken.
Die Anordnung der Plakate bezieht sich auf den Rhythmus von Schritten, aber auch auf Verbindungen und Varianzen, u.A. in Molekülen. Inside-out #12 kollagen (spleiß-variante) heißt die Arbeit. Die Biologie nutzt das Konzept des Spleißens, um Regelmäßigkeiten und Varianzen in Genmolekülverbindungen beschreibbar zu machen. Gerlach erweitert dieses Modell, um neben inneren biologischen auch äußere soziale Verbindungen auf ihre Spielräume zu hinterfragen, Bedarfe der unterschiedlichsten Art zu integrieren und andere Techniken der Kommunikation zu erlernen. Regelmäßig füllt den Tunnel begleitend ein 2-minütiges Summen. Dieses Summen ist nicht nur ein Ton, sondern eine Berührung, denn seine Frequenz löst eine Vibration aus.
Jede Berührung ist eine Verkettung sensorischer Wahrnehmungen. Schwingungen werden übertragen und umgewandelt, weitergegeben und durch unzählige Materialien geleitet, gebündelt, gespeichert und wieder weitergegeben: in Datensätzen, via WiFi und KI ebenso wie durch die Fasern und Gewebe von Häuten, Nerven und Gehirnregionen. In der Ausstellung Spektrum untersucht Hella Gerlach diese unterschiedlichen Formen von Kommunikation und Verbindungen, verhandelt aber auch Spannungen und Dehnbarkeiten zwischen Körper und Technologie, Möglichkeit und Verletzlichkeit.
Hella Gerlach (*1977, lebt in Berlin) studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie an der Universität zu Köln, interdisziplinäres Design an der TH Köln und experimentelle Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 2010 unterrichtet Gerlach Kunst mit Schwerpunkt auf dreidimensionaler Gestaltung in verschiedenen Bildungskontexten. Ihre Arbeiten wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter ACAPPELLA Neapel, AIL Wien, Machina Loci, Berkeley, Østfold Kunstsenter, Norwegen, Künstlerhaus Bremen, Stations, Berlin, Kunstverein Jesteburg, Kunstverein Hildesheim/Roemer-Pelizaeus Museum Hildesheim, Kunstverein Braunschweig, Goethe Institut Glasgow, Garden City Club, Kairo, Kunstverein Schwerin/Museum Schloss Schwerin, STUDIO Berlin, KW Berlin, Kunstverein Hamburg, Mark Morgan Perez Garage, Buenos Aires, Bonner Kunstverein, Kunstverein Langenhagen, Kunsthaus Dresden und Kunstpavillon Innsbruck.
Gerlach ist Mitglied des Bossman-Kollektivs (seit 2021), Initiatorin des Ausstellungsprojekts DIE FUGE (2009–2012), Redaktionsmitglied der ersten Ausgabe des Künstlermagazins SKULPI (2010), Mitinitiatorin der mobilen Ausstellungsplattform WHEELY (2005–2007) und Kuratorin im Kollektiv der Simultanhalle, Köln (2003–2006).
Eröffnung: 20. März, 19:00
Die Reihe for fear of continuity problems ist die Einladung zu einem Ping-Pong-Spiel mit dem kleinen Buchladen der GAK und der Frage, wie sich Erinnerung, Perspektiven, Narrationen, Identitäten und Unbewusstes verräumlichen und öffentlich verhandeln lassen. Julia Horstmann hat für das gemeinsam konzipierte Projekt ein neues Bücherregal entworfen, das angelehnt ist an die Idee vom Gedächtnispalast, einer Methode der Erinnerung anhand von Räumen und Artefakten.
Gefördert durch
Der Senator für Kultur der Freien Hansestadt Bremen, Liebelt Stiftung Hamburg, Waldemar Koch Stiftung, Sparkasse Bremen