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Straub/Huillet/Cézanne.
Seelen malt man nicht

09.03–26.05.19

„Seelen malt man nicht“ ist ein Zitat aus Jean-Marie Straub und Danièle Huillets Film „Une visite au Louvre“. Der junge Joachim Gasquet begleitet Cézanne bei seinen regelmäßigen Besuchen in das Pariser Louvre-Museum, über das der Maler in einem Brief schrieb: „Der Louvre ist das Buch, in dem wir lesen lernen. Doch dürfen wir uns nicht damit begnügen, die schönen Formeln unserer Vorgänger beizubehalten. Suchen wir, uns von ihnen zu entfernen, um die schöne Natur zu studieren; trachten wir danach, den Geist zu erfassen, und bemühen wir uns, uns unserem persönlichen Temperament entsprechend auszudrücken“.

Das französische Filmemacherpaar Straub/ Huillet widmete dem Maler in Folge zwei Filme: „Cézanne. Dialogue avec Joachim Gasquet“ (1989, dt. Fassung: Paul Cézanne. Im Gespräch mit Joachim Gasquet) und „Une visite au Louvre“ (2003). Für den ersten Film wurden Straub/Huillet (1933 in Metz / Paris 1936–2006 Cholet) vom Pariser Musée d’Orsay eingeladen, ein Porträt über den jungen Cézanne zu drehen. Sie entschieden dagegen und konzentrierten sich auf den letzten Lebensabschnitt zwischen Frühling 1896, als der 57-jährige Cézanne den jungen Joachim Gasquet traf, er sich seinem ‚motif‘ der Montagne Sainte-Victoire widmete, und 1906, als der Maler starb. Das war zu der Zeit, von der Gasquet erzählt, er habe auf der Straße gehört, wie hinter dem Rücken von Cézanne Leute sagten: „Solche Maler sollte man erschießen“. Eine ähnlich harsche Kritik und Unverständnis traf auch das filmische Werk der ‚Straubs’.

Joachim Gasquet, Schriftsteller und Kunstkritiker, war Sohn eines Schulfreundes von Cézanne aus Aix-en-Provence. Aus den gemeinsamen Besuchen im Louvre entstand eine Freundschaft, die sich in Briefen, Gesprächen und 1921 in Gasquets zweibändigem Buch „Cézanne“ niederschlug. Letzteres bildet auch die inhaltliche Grundlage für den Nachfolgerfilm „Ein Besuch im Louvre“, in dem Cézanne weniger über seine Lehre spricht als über Künstler und Traditionen, die sein Werk beeinflusst haben. Gemeinsam gehen sie durch das Museum von Tintorettos idealer, vibrierender Malerei des Himmels zu Courbet, dem Maler der Commune, dem Maler der Erde. Cézannes Kommentare spiegeln dabei nicht nur seinen persönlichen Geschmack wider, sondern eine uralte Debatte in der Geschichte der Malerei. Die Filmemacher Straub/ Huillet demonstrieren ihre Komplizenschaft mit Cézannes Beobachtungen, indem sie beispielsweise dann Schwarzbilder einsetzen, um Werke von Künstlerkollegen zu verdecken, die er vehement ablehnt. Vor Werken, die Cézanne jedoch bewundert, dehnen sie ihre eigene Bewunderung unendlich aus, indem sie die Kamera nah ans Bild heranführen, um jedes einzelne Detail einzufangen und dort unbeirrt zu verharren. In beiden Filmen wird so ein Ausblick eröffnet, was Malerei heute sein könnte – ein Ausblick, wie ihn nur wenige in den letzten Jahrzehnten innerhalb ihrer Malerei aufzeigen konnten.

Ausgehend von den zwei genannten Filmen, beschäftigt sich die Ausstellung mit der Fragestellung, was Malerei ist, und leitet sie über das Medium Film in einen weiter gefassten Diskurs, der das Verhältnis von Malerei, Fotografie und Film untersucht. Dafür präsentiert sie Werke und Archivalien von ausgewählten Künstler_innen, die mögliche Antworten, Weiterführungen oder Infragestellungen derselben formulieren und insbesondere das Thema von Bildbetrachtung, Bildbeschreibung und Bildkritik in den Blick nehmen. Danièle Huillet schrieb in einem Entwurf zu dem Filmprojekt: „Wir werden wieder sehen müssen, besser sehen, wirklich sehen, Leinwände, die wir nicht kennen, und Cézanne wird uns dabei helfen, mit seinem durchdringenden Blick.“ In einer Welt, in der Bilder hergestellt werden, um als Waffen Seelen zu verletzen, ist Straub/ Huillets konzentrierte Bewegung hin zur Malerei eine entschieden politische Tat und somit aktueller denn je.

Die Ausstellung fand erstmals von September bis Dezember 2018 in der Temporary Gallery. Zentrum für zeitgenössische Kunst in Köln statt.
Die Bremer Fassung präsentiert sich in einer neuen Zusammenstellung von Künstler_innen und Werken.

 

Mit freundlicher Unterstützung von
Der Senator für Kultur, Freie Hansestadt Bremen, Karin und Uwe Hollweg Stiftung, Botschaft von Portugal / Instituto Camões, Botschaft des Königreichs der Niederlande, Stroom Den Haag, Vitsœ: Regalsystem 606 entworfen von Dieter Rams für Vitsœ, gespendet von Vitsœ und Clean Run Service Team, Bremen

Besonderer Dank an
Privatsammlungen, Köln und Tokyo, John Rewald Papers, National Gallery of Art, Washington, D.C., Gallery Archives, Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg, Österreichische Nationalbibliothek Wien, und Suhrkamp Verlag, Sir John Soane’s Museum, London, und Gemeentemuseum, Den Haag und Farbanalyse, Köln

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09.03–26.05.19

Harald Bergmann
Gerald Domenig
gerlach en koop
Peter Handke
Ana Jotta
Pierre Leguillon
Erle Loran
Benoît Maire
John Rewald
Ker-Xavier Roussel
Hartwig Schwarz
Jean-Marie Straub/Danièle Huillet
Joëlle Tuerlinckx
Rémy Zaugg

Kuratiert von 
Regina Barunke

 

Veranstaltungen

Fr, 08.03.19, 19 Uhr
Eröffnung

Sa, 09.03.19, 11 Uhr
Gerald Domenig:
Melodrom

Diavortrag und Gespräch mit Kasper König

So, 10.03.19, 11 Uhr
Führung mit Regina Barunke

Fr, 26.04.19, 19 Uhr
Pierre Leguillon:
„Das Versprechen der Leinwand“ features: Toaster und Berge, 2019
Performance und Filmprogramm (en)

Sa, 27.04.19, 11 Uhr
Bremer Atelier I: Wolfgang Hainke
Atelierbesuch mit Pierre Leguillon

So, 28.04.19, 11 Uhr
Führung mit Sarah Maria Kaiser

Sa, 25.05.19, 18–1 Uhr
Lange Nacht der Bremer Museen
Zur vollen Stunde
Filmprogramm

So, 26.05.19, 15 Uhr
Eva Schmidt:
Rémy Zauggs Wahrnehmungsskizzen eines Bildes von Cézanne und die Folgen
Vortrag

 

Abbildungen

1– Cézanne im Wald von Fontainebleau. Anonym, um 1905. John Rewald Archive, Department of Image Collections, National Gallery of Art, Washington

2– Jean-Marie Straub/Danièle Huillet: Paul Cézanne. Im Gespräch mit Joachim Gasquet, 1989

3– Harald Bergmann: Schaut euch diesen Berg an – einstmals war er Feuer, 1991; Foto-Reproduktionen, John Rewald Archive, Department of Image Collections, National Gallery of Art, Washington, DC

4– Erle Loran (Johnson): Der Steinbruch in Bibémus mit der Montagne Sainte-Victoire, 1935. Courtesy John Rewald Archive, Department of Image Collections, National Gallery of Art, Washington DC

5– Peter Handke: <Aix-en-Provence Landkarte>, 1973; Joëlle Tuerlinckx: La Sainte Victoire-série ‚Postcard time‘, 2002/2019

6– Joëlle Tuerlinckx: Ensemble Salle gris Cézanne (projet): Titre-salle ‘gris neutral Kodak’, 2005-2012; Salle-bassine ‘gris neutral Kodak’, 2010-2017

7– Straub/Huillet/Cézanne. Seelen Malt Man Nicht, Ausstellungsansicht, GAK Bremen 2019

8–9 Pierre Leguillon: Museum of Mistakes. Sainte-Victoire (Corporate Identity), 2013

10– Richard Hamilton: A postal card for mother, 1968

11– (Fotografie Wand) Hartwig Schwarz: Ohne Titel, 2010/2018

12– (Vitrine) gerlach en koop: Untitled (Double Negative), 2019

13– Straub/Huillet/Cézanne. Seelen Malt Man Nicht, Ausstellungsansicht, GAK Bremen 2019

14– Ana Jotta: Ohne Titel, 1993

15– (Fotografie Wand) Gerald Domenig: Ohne Titel, 2004

16– gerlach en koop: Sit, 2019

17– Rémy Zaugg: Constitution d’un tableau, 27 esquisses perceptives, Gravures, 1963–1968

18– Rémy Zaugg: Une feuille de papier, 1973-1986 / 1973-1988; Benoît Maire: Conjonction, 2015

19– Straub/Huillet/Cézanne. Seelen Malt Man Nicht, Ausstellungsansicht, GAK Bremen 2019

20– Jean-Marie Straub/Danièle Huillet: Une visite au Louvre, 2003

Foto: Simon Vogel, Köln

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